Willkommen bei der „Stiftung Kinder, Jugendliche und Hormone"

Die Stiftung „Kinder, Jugendliche und Hormone” in der Stiftergemeinschaft der Sparkasse Ulm hat es sich zum Ziel gemacht Kinder und Jugendliche mit Hormonerkrankungen zu unterstützen. Auf dieser Seite finden Sie alles Wissenswerte zu den Erscheinungs- und Krankheitsbildern von Hormonerkrankungen, den besten Unterstützungsmöglichkeiten und wer hinter dieser Stiftung steht.

Über Uns

Prof. Dr. Martin Wabitsch
Gründungsstifter, Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm

Bettina Wabitsch
Gründungsstifterin

Prof. Dr. med. Christian Denzer
Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm

Dr. biol. hum. Stephanie Brandt, M.Sc. Medical Biometry/Biostatistics 
Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm

Priv.-Doz. Dr. med. Julia v. Schnurbein
Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm

Hormonerkrankungen

Endokrinologie und hormonelle Erkrankungen

Endokrinologie (griechisch ἔνδον endon = „innen“ und κρίνειν krinein = „abscheiden“, „absondern“) ist die Lehre von der Morphologie und Funktion endokriner Drüsen und von den Hormonen sowie deren Regelungs- und Wirkungsmechanismen (aus Pschyrembel Klinisches Wörterbuch).

Hormone vermitteln als körpereigene Signalstoffe die Kommunikation zwischen verschiedenen Organen im Körper und regulieren zahlreiche Stoffwechselvorgänge. Wichtige Prozesse und Funktionen, die durch Hormone gesteuert werden, sind beispielsweise das Wachstum eines Menschen, die Geschlechtsentwicklung und die Ausbildung der Geschlechtsreife, die Regulation des Mineralhaushalts und Wasserhaushalts, u.v.m.. Neue Erkenntnisse zeigen, dass Hormone auch den Energiehaushalt und damit das Körpergewicht regulieren.

Es handelt sich dabei um komplexe Regelkreise und Signalübertragungssysteme, an der zahlreiche Komponenten beteiligt sind. Kommt es zu Störungen innerhalb dieser Hormonsysteme können normale Stoffwechselvorgänge und Entwicklungsprozesse nicht mehr richtig oder gar nicht mehr ablaufen. Das Fachgebiet der Endokrinologie beschäftigt sich mit der Bildung und Wirkungsweise von Hormonen und deren Störungen, die ursächlich für bestimmte Krankheitsbilder sind.

Interdisziplinäre und altersgerechte Behandlung

Bei der Entwicklung eines Kindes und Jugendlichen spielen hormonelle Vorgänge eine zentrale Rolle. Daher ist es sehr wichtig, dass Störungen rechtzeitig erkannt und altersgerecht behandelt werden, um Folgeerkrankungen möglichst zu vermeiden. Endokrine Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich von denen bei Erwachsenen und bedürfen einer spezialisierten Behandlung durch pädiatrische Endokrinologen. Die Stiftung „Kinder, Jugendliche und Hormone (UUG)“ arbeitet mit dem Hormonzentrum für Kinder und Jugendliche der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Ulm eng zusammen. Die dort tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in einem interdisziplinären Team, um Kinder und Jugendliche mit endokrinen Erkrankungen bestmöglich zu behandeln und bei der weiteren körperlichen Entwicklung zu begleiten.

Beispiele für hormonelle Erkrankungen sind:

  • Erkrankungen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) und ihren übergeordneten Zentren im Gehirn (Hypothalamus), der Nebennieren, der Geschlechtsdrüsen (Gonaden), der Schilddrüse und der Nebenschilddrüse
  • Funktionsstörungen der Schilddrüse
  • Störungen des Wachstums, Kleinwuchs und Hochwuchs
  • Adipositas: Störungen der Gewichtsregulation (der Energiehomöostase des Körpers)
  • Störungen der Insulinsekretion und der Insulinwirkung
  • Störungen des Pubertätsentwicklung
  • Störungen des Knochenstoffwechsels
  • Lipodystrophien und Fettgewebserkrankungen
  • Endokrine Erkrankungen nach Tumorerkrankungen im Kindes-​ und Jugendalter
  • Hirsutismus
  • Störungen des Wasser-​ und Elektrolythaushalts
  • Störungen des Calzium-​ und Phosphathaushalts
  • Varianten der Geschlechtsentwicklung (DSD, engl. “differences of sex development”)
  • Störungen des Testis und des männlichen Genitals
  • Störungen der Ovarien, der Brust und des weiblichen Genitaltraktes
  • Varianten der Geschlechtsentwicklung (DSD)
  • Endokrine Störungen bei syndromalen und komplexen Erkrankungen
  • Polyendokrinopathien
  • Endokrine Tumore

Adipositas: Störungen der Gewichtsregulation (der Energiehomöostase des Körpers)

In den vergangenen Jahrzehnten ist die Rate an Kindern und Jugendlichen mit Übergewicht oder starkem Übergewicht (Adipositas) stark gestiegen. Übergewicht oder Adipositas ist auf diverse äußere und innere Einflussfaktoren zurückzuführen. So spielen soziokulturelle Einflüsse und Lebensgewohnheiten, wie beispielsweise ungünstige Ernährung und mangelnde Bewegung, eine wichtige Rolle. Neue Erkenntnisse zeigen, dass das Körpergewicht durch komplexe Regelkreise reguliert wird, an denen zahlreiche Botenstoffe im Körper (so genannte Hormone, z.B. das Sättigungshormon Leptin) beteiligt sind. Störungen in der Funktion von Hormonen können zu Übergewicht oder Adipositas führen. Es gibt weiterhin eine Reihe seltener genetischer Veränderungen, die als ursächlich für eine Adipositas beschrieben sind. Für einige dieser Patienten gibt es neue kausale, medikamentöse Therapiemöglichkeiten.

Bei vielen Patienten besteht eine starke polygenetische Prädisposition zur Adipositas, die kausal nicht therapierbar ist. Aus der Literatur ist bekannt, dass ein individuell vorgegebenes Sollgewicht veranlagungsbedingt unter ungünstige Lebensbedingungen oder durch Ausfälle der beteiligten Regelkreise nach oben verstellt werden kann. Ist dies der Fall, reguliert sich das Gewicht unwillentlich nach oben, es entsteht eine Adipositas. Dieser Mechanismus ist derart robust, dass eine bewusste Einflussnahme kaum möglich ist. So bleiben Menschen mit einem Sollgewicht im Normbereich normalgewichtig, ohne bewusst ihre Energiezufuhr einschränken zu müssen. Menschen mit einem Sollgewicht im adipösen Bereich können nur unter extrem bewusster Kontrolle ihr Gewicht nach unten regulieren und dies nur selten langfristig halten. Die positive Energiebilanz wird durch die modernen Lebensbedingungen weiter begünstigt. Eine willentliche Regulation des Gewichtes nach unten wird entsprechend deutlich erschwert. Bei extrem adipösen jungen Erwachsenen scheinen daher herkömmliche verhaltenstherapeutische Therapie-Maßnahmen zu versagen.

Ist eine Gewichtsstabilisierung unter bestmöglicher Optimierung des Ernährungs- und Bewegungsverhalten nur auf hohem Niveau erreichbar, ist es notwendig, die Adipositas als chronische Erkrankung zu akzeptieren und mit ihr verantwortungsbewusst umzugehen. Hier ist es wichtig, wiederkehrende frustane Diätversuche zur langfristigen Gewichtsabnahme zu vermeiden, da diese meist in einer weiteren Gewichtszunahme münden und für den Patienten entsprechend eine zusätzliche Belastung darstellen.

Für einige Patienten kommt seit kurzem eine Therapie mit sog. Inkretinmimetika in Farge. Diese hormonelle Therapie führt zu einem deutlichem Sättigungsgefühl und die Patienten können dadurch verhaltenstherapeutische Therapie-Maßnahmen viel besser umsetzen. Unter Therapie mit einem den neuen Inkretinmimetika kann es zu deutlichen und anhaltenden Gewichtsreduktionen kommen.

Als „ultima ratio“ nach Ausschöpfung aller konservativen Therapien gibt es die Option eines Adipositas-chirurgischen Eingriffes (ggf. zuerst Magenballon).

Die Adipositas-Chirurgie stellt bei Erwachsenen die einzige effektive Maßnahme dar, um eine dauerhafte Gewichtsreduktion und eine Reduktion der Komorbiditäten zu erreichen.

Für Kinder und Jugendliche mit Adipositas ist die Prävention, Diagnostik und Behandlung von Folgeerkrankungen, die mit Adipositas einhergehen von zentraler Bedeutung. Folgeerkrankungen können bereits im Kindesalter auftreten und können beispielsweise arterielle Hypertonie, Fettstoffwechselstörungen (z.B. Hypertriglyceridämie) oder Glukosestoffwechselstörungen (z.B. Diabetes mellitus Typ 2) umfassen. Weiterhin können Störungen in der Pubertätsentwicklung, gastroenterologische, respiratorische, orthopädische und dermatologische Störungen auftreten. Negative Auswirkungen auf das seelische Wohlbefinden sind von zentraler Bedeutung, vor allem für Jugendliche mit extremer Adipositas.

Störungen der Insulinsekretion und der Insulinwirkung

Kohlenhydrate, besonders Glukose, sind wichtige Energielieferanten und werden für zahlreiche Stoffwechselvorgänge und Körperfunktionen (z.B. im Zentralnervensystem) benötigt. Die Glukosekonzentration im Organismus ist von zentraler Bedeutung und wird durch das Hormon Insulin reguliert. Hormone vermitteln als körpereigene Signalstoffe die Kommunikation zwischen verschiedenen Organen im Körper und regulieren zahlreiche Stoffwechselvorgänge. Störungen in der Wirkung des Insulins und damit verbundener Stoffwechselvorgänge können zu chronischen Erkrankungen führen. Diabetes mellitus ist eine chronische Stoffwechselerkrankung, bei der eine zu hohe Glukosekonzentration im Blut vorliegt (Hyperglykämie). Man unterscheidet verschiedene Typen von Diabetes: Diabetes mellitus Typ 1, Diabetes mellitus Typ 2, genetisch-bedingter Diabetes (z.B. MODY Gene) sowie weitere seltenere Diabetesformen. Unabhängig vom Diabetes-Typ muss bei jedem Kind mit einer deutlichen Hyperglykämie eine Insulintherapie begonnen werden. Jedoch hat der Diabetes-Typ eine besondere Bedeutung für die Therapie sowie für die Schulung und Beratung der Betroffenen und Ihrer Angehörigen.

Bei ca. 5-10% aller Diabetesfälle handelt es sich um Fälle mit Diabetes mellitus Typ 1, der hauptsächlich bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auftritt. Er entsteht durch eine chronische Entzündung in der Bauchspeicheldrüse, bei der die Insulin-​produzierenden ß-​Zellen der Langerhans-​Inseln zerstört werden. Die Ursachen hierfür sind nur zum Teil bekannt. Neben einer genetischen Prädisposition scheinen Umweltfaktoren (beispielsweile Ernährung und Infektionen durch Viren) eine wesentliche Rolle zu spielen. Die entzündlichen Prozesse, die dem Diabetes mellitus Typ 1 zugrunde liegen und zu einer kontinuierlichen Reduktion der ß-​Zellmasse führen, laufen über einen unterschiedlich langen Zeitraum vor der klinischen Manifestation der Erkrankung ab. Fällt die Insulinproduktion unter 15-20 % der Norm, kommt es zu einer klinischen Manifestation. Das fehlende körpereigene Insulin bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 wird durch eine Insulintherapie ersetzt, die lebenslang erforderlich ist. Hierfür sind eine intensive und individuelle Diabetesbetreuung durch Experten und die Unterstützung der Familie besonders wichtig.

Lipodystrophien und Fettgewebserkrankungen

Lipodystrophie-Erkrankungen sind sehr seltene Erkrankungen, die durch einen Mangel an subkutanem Fettgewebe oder eine Fehlverteilung des subkutanen Fettgewebes sowie durch daraus resultierende Stoffwechselveränderungen charakterisiert sind. Lipodystrophie-Erkrankungen können eingeteilt werden nach der Ätiologie (genetisch bedingt oder erworben) sowie nach Ausbreitung und Ausmaß des Fettgewebsverlustes (generalisiert oder partiell). Bei den generalisierten Lipodystrophien betrifft der Verlust des subkutanen Fettgewebes den gesamten Körper, wohingegen bei partiellen Formen nur Teile des Körpers betroffen sind. Im Wesentlichen unterscheidet man vier Kategorien: die kongenitale generalisierte Lipodystrophie (CGL), die familiäre partielle Lipodystrophie (FPL), die erworbene generalisierte Lipodystrophie (AGL) und die erworbene partielle Lipodystrophie (APL). Für die angeborenen Formen konnten bereits einige ursächliche genetische Veränderungen (Mutationen) identifiziert werden. Bei einem großen Teil der genetisch bedingten Lipodystrophien ist die Ursache aber bis heute unbekannt. Eine erworbene Lipodystrophie kann verschiedene Ursachen haben, wie beispielweise immunologische Störungen, Infektionen oder die Gabe bestimmter Arzneimittel, insbesondere antiretrovirale Arzneimittel im Rahmen einer HIV-Therapie oder Insulin.

Aufgrund ihrer Seltenheit und ihrer großen klinischen Heterogenität und dementsprechend variablen Symptomatik sind Lipodystrophie-​Erkrankungen schwer diagnostizierbar und werden oft erst sehr spät erkannt. Lipodystrophie-​Erkrankungen können über eine genaue Analyse des klinischen Phänotyps und ggf. ergänzt durch eine genetische Untersuchung diagnostiziert werden. Bei einem großen Teil der Patienten wird eine regelmäßig jährliche Untersuchung auf Folgeerkrankungen empfohlen. Lipodystrophie-​Erkrankungen sind häufig mit hormonellen und metabolischen Veränderungen assoziiert, die zu schweren metabolischen Folgeerkrankungen führen können. Diese hängen ab vom Subtyp der Lipodystrophie, vom Ausmaß des Fettgewebsverlustes sowie vom Alter und vom Geschlecht. Aufgrund des fehlenden Fettgewebes leiden Patienten häufig unter einem Mangel an dem Hormon Leptin. Leptin wird im Fettgewebe produziert wird und spielt eine zentrale Rolle bei der Energie-​Homöostase sowie beim Fett- und Glukosestoffwechsel. Leptinmangel führt zu Störungen des Stoffwechsels und des Hormonhaushalts, es kommt zu einem Verlust von Fett unter der Haut und einer Fettanreicherung in der Leber (bis hin zur Fettleber), in den Muskeln sowie im Blut (Hypertriglyceridämie). Weiterhin kann eine Insulinresistenz mit erhöhten Blutglukosewerten auftreten, deren Folge ein schwer behandelbarer Diabetes mellitus sein kann. Die Sättigungsregulation kann gestört sein, was zu einer Hyperphagie (gesteigerte Nahrungsaufnahme aufgrund fehlendem Sättigungsgefühl) und dadurch erhöhter Kalorienaufnahme führen kann. Überschüssige Fettsäuren werden aufgrund des Fehlens von Fettgewebe in anderen Organen wie Leber, Nieren und Muskeln abgelagert, was zu einer Schädigung des Gewebes führt. Leptin spielt ebenfalls eine wichtige Rolle für das Immunsystem und die Geschlechtsreife. Daher kann es zu vermehrten Infektionen sowie Störungen der Pubertätsentwicklung und Fertilität kommen. Vor allem bei Patienten mit generalisierter Lipodystrophie liegen die Leptinspiegel in einem sehr niedrigen Bereich, was zu einer besonders starken Ausprägung der Folgeerkrankungen und zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität der Betroffenen führt.

Derzeit gibt es keine Möglichkeit auf Heilung einer Lipodystrophie-​Erkrankung. Eine spezielle Ernährungstherapie ist essentiell für die Behandlung der metabolischen Folgen. Patienten mit bestimmten Formen der Lipodystrophie und erniedrigtem Leptinspiegel können von einer spezialisierten Therapie profitieren. Metreleptin, ein rekombinantes humanes Leptin-​Analogon, wird als Leptin-​Ersatztherapie in Kombination mit einer Diät zur Behandlung der Folgen eines Leptinmangels eingesetzt. Das zugeführte Leptin erhöht den Fettabbau im Blut, in den Muskeln und in der Leber und führt so zu einer dramatischen Verbesserung der Hypertriglyceridämie, der Fettleber, der Insulinresistenz und des Diabetes mellitus. Das verlorene Unterhautfettgewebe kann durch Leptin-​Ersatztherapie allerdings nicht wiederhergestellt werden.

Andere nicht-​spezifische Therapieansätze können zusätzlich helfen, die Folgeerkrankungen der Lipodystrophie zu behandeln (z.B. Metformin bei Diabetes, Statine oder Fibrate bei Hyperlipidämie).

Varianten der Geschlechtsentwicklung

Varianten der Geschlechtsentwicklung umfassen eine heterogene Gruppe von seltenen, angeborenen Abweichungen von der typischen Geschlechtsentwicklung. Diese Abweichungen können die geschlechtliche Determinierung,also die Festlegung der Keimdrüsen (Gonaden) in Richtung weiblich oder männlich im Embryo, und/oder die geschlechtliche Differenzierung, also die geschlechtsspezifische Entwicklung des inneren und äußeren Genitals im Embryo, betreffen.

Die geschlechtliche Determinierung wird initiiert durch ein feinabgestimmtes genetisches Entwicklungsprogramm, das ein komplexes Netzwerk von Genen umfasst. Die geschlechtliche Differenzierung der Genitale umfasst Entwicklungsvorgänge, die durch die Produktion von Sexualhormonen (beispielweise Testosteron oder Östradiol) und deren Wirkung kontrolliert werden. Veränderungen in den relevanten Genen (Mutationen) können diese Entwicklungsvorgänge beeinträchtigen.

Es wird davon ausgegangen, dass (neben der Genitalentwicklung) nahezu alle Gewebe und Organe einer geschlechtsspezifischen Entwicklung unterliegen, die durch unterschiedliche Genexpressionsmuster geprägt ist. So konnte auch gezeigt werden, dass sich das menschliche Gehirn ebenfalls geschlechtsspezifisch entwickelt. In diesem Zusammenhang kommt der Begriff des psychischen Geschlechts zum Tragen, das unter anderem das geschlechtsspezifische Verhalten, die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität beinhaltet.

Bei Menschen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung kann eine Einordnung zum männlichen oder weiblichen Geschlecht schwierig oder unmöglich sein. Hierbei können medizinische Maßnahmen (wie Hormontherapien oder Genitaloperationen) eingesetzt werden, um das Geschlecht zu vereindeutigen oder die Zuordnung zu einem Geschlecht zu ermöglichen.

DSD beinhaltet eine Vielzahl von Diagnosen in unterschiedlichen Ausprägungen. Oftmals ist keine eindeutige genetische Diagnose möglich. Der Zeitpunkt der Diagnosestellung kann sehr verschieden sein, beispielsweise direkt nach der Geburt, im Kinderalter, sehr häufig während der Pubertät oder erst später im Erwachsenenalter. Je nach Ursache, Ausprägung und Zeitpunkt der Diagnosestellung stellen sich vielfältige medizinische und ethische Fragen zur weiteren Versorgung der Betroffenen, wie unter anderem Art, Umfang und Ziel einer Behandlung. Hierbei sind eine spezialisierte medizinische Fachexpertise und Erfahrung sowie ein sensibler Umgang mit Betroffenen gleichermaßen wichtig wie eine umfassende Aufklärung der Betroffenen und deren Angehöriger. Eine sorgfältige Bewertung aller präventiven, diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen unter Berücksichtigung und Abwägung aller psychosozialen, ethischen sowie rechtlichen Aspekte ist bei der Betreuung und Therapie von Menschen mit DSD erforderlich.

Der deutsche Ethikrat hat im Jahr 2012 eine umfangreiche Stellungnahme zum Thema DSD veröffentlicht, die sich auch in den Empfehlungen der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2015 widerspiegelt. Im Jahr 2016 wurde in Übereinstimmung von Betroffenenverbänden und medizinischen Fachgesellschaften eine S2K-​Leitlinie „Varianten der Geschlechtsentwicklung“ veröffentlicht, die konsentierte Empfehlungen zur Versorgung von Menschen mit DSD in den Bereichen Medizin, Psychologie und Selbsthilfe berücksichtigt.

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